Marko Schacher,

Einführungsrede zur Ausstellung GEHÄUSE von Hanjo Schmidt und Jenny Winter Stojanovic:

Wenn Sie das Internet-Lexikon Wikipedia fragen, was ein "Gehäuse" ist, so antwortet es: "Ein Gehäuse ist eine feste Hülle, die einen empfindlichen Inhalt schützend umgibt, oder die Umgebung vor einem gefährlichen Inhalt schützt." Zudem verweist Wikipedia auf die gängigen Verwendungen im Zusammenhang mit Kernobst ("Kerngehäuse") und Technik ("Kameragehäuse", "Computergehäuse", "Lautsprechergehäuse"). Weitaus poetischer wendet Hanjo Schmidt im Vorwort seiner gleichnamigen Broschüre den Begriff "Gehäuse“ auf den menschlichen Körper an und bezeichnet den Kopf des Menschen als "Haus und Heimat des Selbst", und weiter hinten im Text als "Tresor für das Gehirn". Nicht schlecht!

Wie Sie schon teilweise gesehen haben und noch hören werden, ist "Gehäuse“ ein höchst passender Titel für die Dialog-Ausstellung von Hanjo Schmidt und Jenny Winter-Stojanovic. Beide haben das Gehäuse diverser Menschen "geknackt“. Beide haben hinter die Fassade des menschlichen Antlitzes geschaut, haben den Gesichts-Vorhang beiseite geschoben und sind in Bereiche vorgedrungen, wo es gleichermaßen weh tut, wie poetisch wird.

Eigentlich ist "Gehäuse" eine doppelte Dialog-Ausstellung, also eine Art Vierfach-Ausstellung. Denn Hanjo Schmidt hat, ausgelöst durch die Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter, den Dialog mit seinem eigenen Gesicht gesucht und gefunden. Und Jenny Winter-Stojanovic hat den Dialog mit den Bewohnern und Besuchern des Nachbarschaftshauses gesucht – und ebenfalls gefunden. 

Ganz interessant: Der erste Kontakt zwischen Hanjo Schmidt und Jenny Winter-Stojanovic hat bereits im Sommer 2013 stattgefunden (ohne dass es Hanjo Schmidt damals mitbekommen hat) und zwar innerhalb der "Das Antlitz!" betitelten Künstlermitglieder-Ausstellung des Württembergischen Kunstvereins. Ich war damals übrigens auch zugegen und von dem präsentierten Gemälde "Gehäuse III" sehr angetan und berührt. Und Jenny Winter-Stojanovic, wie sie mir verraten hat, auch. Und das will inmitten von über 300 Exponaten durchaus was heißen! 

Die Präsentation damals im Württembergischen Kunstverein war ziemlich grausam, Exponat neben Exponat neben Exponat. Dank Holle Nann haben die fünf innerhalb eines halben Jahres entstandenen 

"Gehäuse"-Gemälde von Hanjo Schmidt endlich einen würdigen Rahmen gefunden, ja hier mit dem Ostfildener Stadthaus selbst ein adäquates, stilvolles Gehäuse bekommen. 

"Fotorealistische Malerei finde ich sterbenslangweilig", sagt der Künstler in einem  Video, das Sie im Internet finden. Ich übrigens auch. Hanjo Schmidts Malerei versucht erst gar nicht, uns einen Realismus vorzugaukeln. Die Werke geben sich eindeutig als Malerei zu erkennen. Die mit flachen, breiten Pinseln aufgetragene Acrylfarbe bildet auf der Leinwand Schlieren, Seen, Wiesen, Hügel. Das Gesicht wird zur Landschaft, aber auch zur Architektur.  Schließlich – das sei hier angemerkt – hat der Künstler einst auch eine Maurerlehre gemacht und Architektur studiert.

Mit einem Kamm in die Oberflächen hinein gekratzte Linien geben Haare wieder. Das Verwunderliche: Trotz der expressiven Grobheit des Farbauftrags erkennen wir individuelle Konturen, Eigenheiten – und Einzelheiten: Bartstoppeln, Gesichtsfurchen, Stirnfalten, Augenringe, gerötete Nasen und lädierte Hautpartien. Trotz der vermeintlichen Hässlichkeit der verwendeten Farben und der Neigung des Künstlers das menschliche Gesicht als "Ansammlung von Gewebe, das der Schwerkraft unterliegt" zu sehen, ist das Resultat zwar nicht klassisch schön, aber doch höchst sinnlich.

Warum er sich mit seinem eigenen Körper auseinandersetzt, warum er die entstehenden Gemälde auf keinen Fall als "Selbstportraits" verstanden werden möchte und warum er so groß malt, unter anderem darauf gibt Hanjo Schmidt in seiner Broschüre gut formulierte Antworten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: "Nach zehn Jahren, in denen ich Körper und Gesichter von jüngeren Menschen beobachtet und gemalt habe, begann ich mich auf den alternden Körper zu konzentrieren, um mit dem Pinsel darüber nachzudenken, was mit mir  selbst geschieht. Doch selbst wenn ich für den Großteil meiner derzeitigen Produktion den eigenen Körper als Modell nehme, heißt das nicht, dass mein Ziel dabei Selbstportraits wären. Mein Körper ist dabei nur Beispiel für ein allgemeines Phänomen. Und die Bilder sind groß, weil der heftige, leiden-schaftliche und schnelle Farbauftrag im kleinen Format nicht zu realisieren ist. Außerdem schaue ich auf Leute und besonders auf ihre Gesichter wie durch eine Lupe. Deshalb ist das Ergebnis notwendigerweise vergrößert."

Die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Körper birgt für den Künstler viele Vorteile. "Ich kann das selbst inzwischen ganz gut, kein typisches Fotografier-Gesicht zu machen", hat er uns am Montag gesagt. Und etwas salopper: "Ich bin ja immer da...und mach jeden Scheiß mit."

Bei den "Gehäuse"-Bildern lenkt kein Vorder- oder Hintergrund vom Hauptmotiv ab. Auf dem Gemälde "Fermata" ist allerdings ein Boden angedeutet, und auf dem "Tabletop"-Gemälde eine Tischplatte. Das "Fermata" betitelte Bild zeigt den Künstler auf dem Boden liegend, die Beine angezogen, in geschützter Embryonalstellung, mit geschlossenen Augen. Kein Wunder "Fermare" (italienisch) heißt so viel wie "anhalten". In der Musik ist eine "Fermate" ein Ruhezeichen, das dem Musiker ein Innehalten in der Bewegung anzeigt. Auslöser für das Gemälde war die Hiobs-Botschaft, dass der Künstler aus seinem jahrelang bezogenen Atelier ausziehen muss. Das damit thematisch verwandte "Tabletop"-Gemälde zeigt den Kopf des Künstlers wie auf einem Schafott über der Holzkante seines Arbeitstisches hängend, sich aufgebend, das Unheil erwartend

Ja, sicherlich, auch das große Format der Gemälde mag dazu dienen, uns zu beeindrucken. Vielleicht schreckt es manche Besucher aber auch ab. Quasi auf Nasenloch-Höhe mit den überdimensionalen Köpfen können wir fast nicht anders, als in das Farbenmeer einzutauchen. 

Who is afraid of Pink, Violet and Grey? Statt Erhabenheit wie bei Barnett Newman winkt dem mutigen Betrachter der Hanjo Schmidt-Gemälde Ergriffenheit, vielleicht auch Ernüchterung. Adrienne Braun hat das sehr zutreffend formuliert: "Man ahnt die Tragödie des Menschen: er muss nicht nur die Welt ertragen, sondern auch sich selbst."

Vor allem aber musste Hanjo Schmidt die ihrer Alzheimer-Krankheit verschuldete Verstummtheit seiner Mutter ertragen. Zwei Jahre hat seine Mutter nicht gesprochen. "Ich musste meine Mutter zwangsweise als Gegenstand anschauen", hat mir der Künstler am Montag gesagt. Was macht man, wenn die vermeintlichen "Fenster zur Seele", die Augen, verschlossen sind? Inwieweit lässt sich ein Charakter oder Gefühlszustand erkennen, wenn die Augen zu sind? Mit seinen "Gehäuse"-Bildern hat Hanjo Schmidt Antworten gesucht.

Wie der der Werktitel verrät, basiert das Gemälde "Three Weeks Left" auf einem drei Wochen vor dem Tod seiner Mutter entstandenen Foto. Entstanden ist es im Speisesaal eines Altersheims, als sich die alte Dame plötzlich zu ihrem Sohn dreht und sich dieser "ertappt" fühlt. 

Die eine Gesichthälfte ist verschattet. Das von uns aus gesehen linke Auge hat seinen Geist buchstäblich aufgegeben, scheint entrückt zu sein und bereits ins Jenseits hinüber zu schielen. Das rechte Auge wiederum blickt uns durchdringend an und scheint uns aufzufordern, Stellung zu beziehen, uns selbst Gedanken über das Altern in Würde und das eigene unaufhörliche Vergehen zu machen. 

Das ist ein schöner Übergang zu den Exponaten von Jenny Winter-Stojanovic.

Als langjähriger Kenner des Oeuvres der Künstlerin und als Ihr Galerist war ich über die Stille und Zurückhaltung ihrer Ausstellungsbeiträge verwundert.  Wer 2017 ihre raumgreifende Installation vor der Städtischen Galerie Böblingen oder – auch letztes Jahr – ihre zwölfstündige Performance im Schorndorfer Röhm-Areal gesehen hat, weiß, dass Jenny Winter-Stojanovic auch die große, raumgreifende Geste beherrscht. Hier in der Städtischen Galerie Ostfildern können und dürfen wir die stille, poetische Seite ihrer Schaffens kennen lernen. Das hat natürlich mit der Dialog-Situation hier im Gebäude zu tun, mit dem Respekt  der Künstlerin vor den Gemälden von Hanjo Schmidt, und mit ihrer Sensibilität für den Raum. 

Und das äußert sich auch in den unaufgeregten Titeln der Exponate, die lediglich den Ort innerhalb der Ausstellung wiedergeben: "unter der Treppe", "im Luftraum hinter der Treppe", "vor den Fenstern". 

Wie wir oben, vor den eindrucksvollen, über drei Tage hinweg aufgenommen Fotos von Jürgen Bubeck sehen, hatten die älteren Damen und Herren im Nachbarschaftshaus viel Spaß bei der Annäherung an das mitgebrachte Material. Als vertrautes Küchen-Utensil mag es bei manchen Deja-Vus ausgelöst und Erinnerungen an einst mitnahmefertig gemachte Butterbrote geweckt haben. Die Kontaktaufnahme mit der Kunst ist überwiegend durch die Hände passiert. Nach und nach haben an den Besuchstagen der Künstlerin abstrakte Objekte wie Frischhaltefolienrollen, Steine und Holzstücke die in Pflegeheimen kursierenden Handpuppen ersetzt. Natürlich hat die Künstlerin auch über ihre Kunst und ihr Verständnis von künstlerischen Beiträgen gesprochen. Der von Joseph Beuys inzwischen weit gedehnte Begriff der "sozialen Plastik" ist dabei sicher nicht gefallen, auch wenn er das von der Künstlerin initiierte kreative Handeln zum Wohl der Gemeinschaft ganz gut beschreiben würde. Und das Wort "Plastik" in seiner Doppeldeutigkeit auch gepasst hätte. "Soziales Plastik" wäre ja auch mal ein schöner Ausstellungstitel. 

Die Folie macht ihrem Namen alle Ehre und hält die Ereignisse fest und frisch.Wie wir sehen: Die Frischhaltefolie büßt ihre Sterilität und Durchsichtigkeit weitestgehend ein, darf dafür aber ihre gestalterischen und symbolischen und poetischen Potentiale entfalten. Die Folie, welche die Holz-Stücke umhüllt/verhüllt, verhindert den Zugriff auf die Jahresringe des Baumes – so wie Demenz-Erkrankungen den Zugriff auf Erinnerungen vernebeln und behindern. In Millionen von Jahren von den Naturgewalten geformte Sedimentgesteine werden mit Hilfe der Frischaltefolien zu überdimensionalen Perlen abgerundet, teils auch zu poetisch veredeltem Ballast, der endlich abgeworfen werden kann. "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist"?

Vielleicht passen dazu auch die miteinander verbundenen Folienstränge, die den Stadthaus-Besucher oben am Eingang vor dem Leuchtkasten empfangen und an überdimensionierte Nervenfasern und Synapsen erinnern. 

Ob wir wollen oder nicht, wir müssen zu den Exponaten Stellung beziehen, im buchstäblichen Sinn des Wortes. Ein unemotionales Dran-Vorbei-gehen ist kaum möglich. Wer an den als Einleitung dienenden Fotografien von Jochen Bubeck entlang die Treppe nach unten geht, kommt zwangsweise in körperlichen Kontakt mit der um die Stufen gewickelten Kunst – ob er/sie will, oder nicht. Wer sich vorsichtig und achtsam gibt, hat schon was gelernt. Zum ersten Mal im künstlerischen Schaffen der Künstlerin tauchen fragile, nicht  wirklich hohe Nester auf. Als temporär geschichtete Gehäuse laden Sie unsere Hände und Gedanken zur  Erkundung ein. 

Schauen wir uns noch einmal um: Selbstbewusste, ziehende, zerrende Kräfte und sich hingebende, sich regelrecht offen-barende Energien sind in ein optisches Gleichgewicht gesetzt. Starke und schwache Formen, blockierende / im Weg hängende und dahin gleitende Flächen ergänzen sich. Wer seinen Blick schweifen lässt, kann vor seinen Augen und in seinem Kopf die einzelnen Objekte zur poetischen Rauminstallation verbinden. Einst banale Frischhaltefolien, Steine und Baumstämme ergänzen sich zum 

Märchengarten. Vom wem was ist, wird egal. Ob die Exponate von den Bewohnern und Besuchern der Demenz-Abteilung, der Tagespflege und des Bürgertreffs hergestellt wurden oder von der Künstlerin, ist nicht wichtig.

Die Installation lädt uns zum Perspektivenwechsel ein: Wer unter der Treppe steht, kann durch die Folien-Häute von Jenny Winter-Stojanovic hindurch auf die Menschen-Häute von Hanjo Schmidt schauen, und deren Beschaffenheiten vergleichen. Wer oben vor den Fenstern steht, und durch die in einem Holzgerüst gespannten,  spinnennetz-artigen Membrane schaut, sieht die Ausstellung verschleiert, vernebelt, unklar – so wie mancher ältere Besucher auch sonst.

Wie Hanjo Schmidt am Montag selbst bemerkt hat: In gewisser Weise sind die Exponate von Jenny Winter-Stojanovic, die durch Berührungen entstanden sind und zum Anfassen auffordern, die Antwort auf die von ihm und seinen Gemälden gestellte Fragen. Vielleicht liegt in der Berührung, in der haptischen Kontaktaufnahme eine Lösung, wenn der Kopf nicht mehr kann, was er will.  

Bei der Ausstellung "Gehäuse" handelt es sich um eine Versuchsanordnung mit offenem Ausgang. 

Bitte lassen Sie sich durch meine Worte nicht einschüchtern. Das Schöne an der Ausstellung: Es gibt keine richtigen oder falschen Interpretationen. Die Skulpturen und Gemälde sind "offen" für Interpretationen und können völlig widersprüchliche Erinnerungen wecken.

Beiden Künstlern geht es nicht um illusionistische Doppelung oder eine wahrhaftige Dokumentation der Welt. Beide stehen zu ihren Ausgangsmaterialien. Mit dem klassischen Schönheitsbegriff kommen Sie hier nicht viel weiter.  Beide Künstler fordern uns auf, unseren von schnellen, hektischen, bunt-kreischenden Alltags- und Medienbildern versauten Blick zu verlangsamen und unseren Körper zu entschleunigen.

 

Während der Vorbesichtigung am Montagmorgen hatte ich die Gelegenheit, zehn Minuten allein in der Ausstellung zu sein. Und diese zehn Minuten kann mir niemand mehr nehmen. Mir kam es vor, als würde ich in eine höchst intime Situation hinein platzen, fünf Schlafende beim Träumen überraschen und die Frischhaltefolien beim Wachsen und Wuchern ertappen. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie fähig sind, ähnliche Erfahrungen zu machen. Ich wünsche den Künstlern, der Galerieleitung und der Stadt Ostfildern viel Erfolg, und viele Besucher.

Die obige Rede wurde am 22.4.2018 in der Städtischen Galerie Ostfildern gehalten